Die folgenden Schreibimpulse gehen zurück auf eine Reflexionsfrage aus dem Entwurf eines Kartensets. Das Set wurde 2017 von Carmen Mörsch einem erweiterten Kreis aus Kolleg*innen und Praktiker*innen im Bildungsbereich zur Verfügung gestellt. Zwischenzeitlich ist daraus die Online-Plattform diskrit-kubinet. hervorgegangen.
Reflexionsfrage und Schreibimpulse zielen darauf, ein
«Verständnis dafür [zu] entwickeln, dass soziale Identitäten erlernt und durch soziale Praktiken hervorgebracht werden.»
Das Zitat stammt aus dem Text Revisiting Critical Diversity Literacy (2021). Dabei handelt es sich um die von Serena O. Dankwa ins Deutsche übertragene und revidierte Version von Melissa Steyns Text Critical Diversity Literacy: Essentials for the 21st Century (2015). Es ist das fünfte von insgesamt zehn Kriterien. Mit diesen Kriterien, so Steyn, sei es möglich,
«vorherrschende soziale Beziehungen zu »lesen«, als wären sie ein Text, und die Möglichkeitsräume zu erkennen, die sich unterschiedlich positionierten Menschen in den Dynamiken bestimmter sozialer Kontexte eröffnen oder verschließen.»
Die Reflexionsfrage aus dem Kartenset übersetzt dieses fünfte Kriterium:
Nehmt Euch ein paar Minuten Zeit für Euch selbst und versucht Euch zu vergegenwärtigen, wann ihr zum ersten Mal gemerkt habt, dass Ihr (nicht) männlich oder weiblich, (nicht) behindert, (nicht) weiß seid. Oder einen Moment, wo Ihr Euch wegen Eurer Kleidung, Sprechweise, Körpererscheinung, Gewohnheiten (sozialer Habitus, Klasse) unterschieden habt und dies eine Auswirkung hatte, über die Ihr Euch heute weiter bewusst seid. Je nachdem können dies Erfahrungen sein, wo Ihr diese Unterscheidung für Euch selbst als verletzend erlebt habt, oder aber auch Erfahrungen, wo die Verletzungsgewalt bei Euch lag. Es kommt nicht selten vor, dass beides in der gleichen Situation der Fall gewesen ist.
Die Reflexionsfrage kann methodisch für sich stehen und als solche in verschiedene Kontexte eingebracht werden. Sie kann aber auch als Schreibimpuls genutzt werden.
Als Vorbereitung und um den Teilnehmer*innen einer Lehrveranstaltung eine ästhetische Form an die Hand zu geben, eignet sich ein vertiefter Blick in Texte der Autorin Annie Ernaux. Die französische Autorin bezeichnet sich als «Ethnologin ihrer selbst». Anhand einer Fülle von biografischen Materialien – Fotos, Videos, Tagebucheinträgen, Briefen – sowie von Meldungen aus Zeitungen und Zeitschriften, Ereignissen der Pop- und Alltagskultur konstruiert sie das soziale Gewordene ihres eigenen Ichs und legt es damit offen.
«Außer den Erzählungen wurden uns noch andere Dinge überliefert, wie man sich bewegt, sich hinsetzt, lacht, wie man auf der Straße jemandem etwas zuruft, wie man isst, wie man nach etwas greift, Erinnerungen, die in den ländlichen Gegenden Frankreichs und Europas von Körper zu Körper weitergegeben wurden. Dieses auf den Fotos unsichtbare Vermächtnis vereinte die Familienmitglieder, Leute aus der Nachbarschaft und alle, die angeblich so waren wie wir, ungeachtet aller individuellen Unterschiede und der Erwägung, ob sie gute oder schlechte Menschen waren. Ein Repertoire aus Gewohnheiten, eine Summe von Handgriffen, geprägt von einer Kindheit auf dem Feld und einer Jugend in der Werkstatt, denen wiederum andere Kindheiten und Jugenden vorausgegangen waren, bis in längst vergessene Zeiten […].» (Annie Ernaux: Die Jahre)
In Passagen wie diesen öffnet Ernaux den Blick auf das Habituelle, das inkorporiert Soziale und Gesellschaftliche, das Zugehörigkeit hervorbringt und massgeblich bestimmt.
Schreibimpuls Variante 1:
Schreibe zwei Abschnitte im Stil von Annie Ernaux. Du siehst Dich selbst wie durch ein Fernrohr und beschreibst die Gestalt in der Ferne: nüchtern beschreibend, in der 3. Person. Verwende für diese Gestalt Bezeichnungen wie «der Junge» oder «das Mädchen». Ein Abschnitt zeichnet das Bild einer erlebten Ausgrenzung im alltäglichen Kleinklein einer Schule, der andere erzählt von einer Situation, in der die Ausgrenzung von Dir ausging. Nutze dazu eigene Erinnerungen, die Dir mit Hilfe der Reflexionsfrage in den Sinn gekommen sind.
Schreibimpuls Variante 2:
Schreibe zwei Abschnitte (pro Abschnitt eine halbe A4-Seite) im Stil von Annie Ernaux
(nüchtern beschreibend, 3. Person oder Bezeichnungen wie «der Junge», «das Mädchen»
etc.). Ein Abschnitt zeichnet das Bild einer von Dir beobachteten/wahrgenommenen Ausgrenzung
einer anderen Person durch Dritte im Mikrobereich. Der zweite Abschnitt erzählt von einer
Situation, in der Du Dich zu einer Gruppe zugehörig gefühlt hast.


