Der folgende Artikel beschreibt aus Leitungsperspektive einen künstlerisch-kulturvermittelnden Zugang im Modul «Kulturvermittlung & Theaterpädagogik» (KVTP) an der Pädagogischen Hochschule FHNW. Verfasst wurde der Artikel vom Leiter des Moduls am Standort Muttenz.
Ausgehend von einer Ausstellung über das Erinnern im Basler Museum der Kulturen, setzten sich die Studierenden im Herbstsemester 2023 mit dem ein- und ausschliessenden Potenzial von Liedern und Klängen auseinander, erinnerten sich an Situationen aus ihrer Schulzeit, in denen sie Ein- und/oder Ausgrenzung entweder selbst erlebt oder beobachtet haben und sie beschrieben Momente des Aufwachsens und Zuhauseseins in der Schweiz. Einige der daraus resultierenden Texte wurden zur Grundlage für Audiobeiträge einer Hörinstallation im Museum der Kulturen in Basel, die der Verein Zuhören Schweiz im Rahmen seines Projektformats «Ohren auf Reisen» initiierte.
Inhaltlicher Kontext des Moduls Kulturvermittlung & Theaterpädagogik
An der Pädagogischen Hochschule FHNW gibt es einen Modulzyklus unter dem Titel «Kulturvermittlung & Theaterpädagogik» (KVTP). Es besteht aus drei aufeinander bezogenen Modulen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Während des dritten Moduls setzen sich die Studierenden mit Kulturinstitutionen und deren Angeboten für Schulen auseinander. Sie erfahren, wie sie Vermittlungsangebote einordnen und für ihre Klassen in Anspruch nehmen können.
Da Kulturinstitutionen in gesellschaftliche Strukturen eingebunden sind, sind sie (meist) auch Orte der Reproduktion eben jener gesellschaftlichen Verhältnisse aus denen sie hervorgegangen sind. Die Mechanismen und Strukturen sozialer Zugehörigkeit und Ausschlüsse, koloniale Narrative sowie hierarchisierende Zuschreibungen können sich daher auch in Kulturinstitutionen und deren Angeboten fortschreiben – meist unerkannt im Stillen wirksam.
Kulturinstitutionen wie Museen, Theater, Konzerthäuser und Bibliotheken sind Orte des Sammelns und Archivierens, der Repräsentation und des Erinnerns. Als solche erzeugen sie Narrative und Deutungen und produzieren damit kollektivierende Vorstellungen von Staat und Nation, vom Menschsein und vom guten Leben, vom Fortschritt und davon, wer wir sind oder sein wollen.
Individuelle Erinnerungsspuren und Autoethnografisches Schreiben
Auf Grundlage der oben skizzierten Ausrichtung des Moduls KVTP setzten sich die Studierenden im Herbstsemester 2023 mit dem individuellen Erinnern auseinander – korrespondierend zur kollektiven Erinnerungsfunktion von Kulturinstitutionen. Die verbindende Frage: Wie spielen eigene Erinnerungen und kollektive Identität zusammen, was ist das gesellschaftliche Moment in ihnen?
Ausgangspunkt war der Besuch der Dauerausstellung «Memory – Momente des Erinnerns und Vergessens» im Basler Museum der Kulturen. Die Ausstellung zeigt insbesondere kulturelle Techniken und Medien im Wechsel von Zeiten und Gesellschaften, die dem Festhalten des singulären Moments und dessen Kommunikation dienen. Das gesellschaftliche Moment eigener Identität zeigte sich in dieser Ausstellung in den persönlichen Erinnerungen, wie sie in den ausgestellten Poesie- und Fotoalben sowie in den Taufbriefen festgehalten wurden mit denen die Ausstellung beginnt. So waren bspw. die sprachlichen Formulierungen in den Taufbriefen untereinander teilweise sehr ähnlich. Und doch blieb eine Stimme darin erkennbar, die mit geliehenen Worten der besonderen Beziehung zwischen Taufpat*in und Patenkind einen Ausdruck geben wollte.
Um den individuellen Prägungen durch gesellschaftlich zirkulierende Vorstellungen und Werte, wie sie sich in Bildern, Songs, Musikstilen, Geräuschen, Gesten oder auch in der Sprache niederschlagen, vertiefend nachzugehen, haben wir uns im Modul auch mit dem Roman «Die Jahre» der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux befasst.
«Außer den Erzählungen wurden uns noch andere Dinge überliefert, wie man sich bewegt, sich hinsetzt, lacht, wie man auf der Straße jemandem etwas zuruft, wie man isst, wie man nach etwas greift, Erinnerungen, die in den ländlichen Gegenden Frankreichs und Europas von Körper zu Körper weitergegeben wurden. Dieses auf den Fotos unsichtbare Vermächtnis vereinte die Familienmitglieder, Leute aus der Nachbarschaft und alle, die angeblich so waren wie wir, ungeachtet aller individuellen Unterschiede und der Erwägung, ob sie gute oder schlechte Menschen waren. Ein Repertoire aus Gewohnheiten, eine Summe von Handgriffen, geprägt von einer Kindheit auf dem Feld und einer Jugend in der Werkstatt, denen wiederum andere Kindheiten und Jugenden vorausgegangen waren, bis in längst vergessene Zeiten […].»
In Passagen wie diesen öffnet Ernaux den Blick auf das Habituelle, das inkorporiert Soziale und Gesellschaftliche, das Zugehörigkeit hervorbringt und massgeblich bestimmt.
Ernaux bezeichnet sich als «Ethnologin ihrer selbst». Anhand einer Fülle von biografischen Materialien – Fotos, Videos, Tagebucheinträgen, Briefen – sowie von Meldungen aus Zeitungen und Zeitschriften, Ereignissen der Pop- und Alltagskultur etc. konstruiert sie das soziale Gewordene ihres jüngeren Ichs und legt es damit offen.
«Die Gesellschaft bekam einen neuen Namen, sie hieß jetzt ‚Konsum-Gesellschaft‘. […] Die Zeichen der Zeit standen auf Geldausgeben, und so schaffte man sich unermüdlich Gebrauchsgegenstände und Luxusgüter an. Man kaufte eine Kühl- und Gefrierschrank-Kombination, einen Renault 5, […] man erwarb einen Farbfernseher. Bunt war die Welt viel schöner […]. Die Werbung zeigte, wie man zu leben, sich zu verhalten, und seine Wohnung einzurichten hatte, sie war die Kulturanimateurin der Nation.»
Ernaux verbindet das Persönliche mit dem soziokulturellen Umfeld und erzählt kollektiv Erlebtes in einer analytischen und damit zwar distanzierten, aber dennoch persönlichen Perspektive. Sie blickt aus der Distanz auf sich und auf diejenigen, die sie umgeben, auf ihr eigenes Handeln, Fühlen und Denken. Ernaux schreibt über sich selbst in der dritten Person. Sie ist das Mädchen auf dem Foto oder die Frau mit dem Rouge wie in der folgenden Passage:
«Sie ist die Frau mit dem Rouge, die beiden jungen Männer sind ihre Söhne und die junge Frau ist die Freundin des Älteren, die des Jüngeren macht das Foto. Mittlerweile hat sie die höchste Besoldungsstufe erreicht und damit ein komfortables Einkommen, und so spendiert sie den vieren dieses Wochenende am Meer, aus dem Wunsch heraus, weiterhin für das materielle Wohl ihrer Kinder zu sorgen und deren eventuelles Leiden am Leben zu lindern, für das sie sich verantwortlich fühlt, weil sie sie in die Welt gesetzt hat. Sie hat sich damit abgefunden, dass die beiden sich trotz ihrer Hochschulabschlüsse mit befristeten Verträgen, Arbeitslosengeld und kleinen Aufträgen von Monat zu Monat hangeln, in einer reinen Gegenwart aus Musik, amerikanischen Serien und Videospielen, als wollten sie ewig die Existenz von Studenten oder mittellosen Künstlern führen, von Bohemiens einer vergangenen Epoche, ganz anders als sie, die in ihrem Alter bereits ein etabliertes Leben geführt hat. (Sie weiß nicht, ob die unbekümmerte Haltung ihrer Söhne echt oder vorgetäuscht ist.)»
Aus der Beschäftigung mit dem Roman «Die Jahre» folgten Versuche, in analoger Weise auf die eigene Biografie zu schauen. Hierfür sammelten wir im Modul Erinnerungen an die eigene Kindheit, an Redensarten der Eltern und Grosseltern, an häufig gesungene Lieder, an Werbeclips, an Spiele unter Kindern.
Aus der Beschäftigung mit dem Roman «Die Jahre» folgten Versuche, in analoger Weise auf die eigene Biografie zu schauen. Hierfür sammelten wir im Modul Erinnerungen an die eigene Kindheit, an Redensarten der Eltern und Grosseltern, an häufig gesungene Lieder, an Werbeclips, an Spiele unter Kindern.

Das Bild ist mit einem Padlet verlinkt, das die Studierenden erstellt haben (Fotos wurden zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte zuvor entfernt).
In Anbindung an Ernaux’ Roman erhielten die Studierenden einen Schreibauftrag. Darin waren sie aufgefordert, eine Situation aus der Kindheit zu beschreiben, in der sie soziale Ausgrenzung erlebt haben. Dabei stand es ihnen frei zu entscheiden, eine Situation zu wählen, in der sie selbst ausgrenzend gehandelt haben oder ausgegrenzt wurden oder in der sie nicht selbst involviert waren.
Wer keinen Text zu einer ausgrenzenden Situation schreiben wollte, der konnte einen Text darüber verfassen, was es persönlich bedeutet, in der Schweiz zu leben und/oder aufgewachsen zu sein. Was signalisiert einem, dass man in der Schweiz zu Hause ist und dass man «dazugehört»? Welche visuellen und akustischen Marker kommen einem in den Sinn, die dabei eine Rolle spielen mögen?
Auf Grundlage einer Auswahl an Texten und Passagen daraus, sind Beiträge für eine Hörausstellung entstanden, die im Museum der Kulturen in Basel besucht werden konnte – als temporäre Erweiterung der Memory-Dauerausstellung (Februar bis April 2024). Die Hörausstellung entstand im Rahmen des Projekts Ohren auf Reisen des Vereins Zuhören Schweiz


