Pascale Speck

«Unsere Chancen» bei Karl*a der*die Grosse das Debattierhaus – 

Erfahrungsbericht aus der Leitung des kooperativen Kunstprojekts mit Sozialhilfebezüger*innen der Stadt Zürich

Kontext der Projektdurchführung

Von März bis Juni 2023 befasste sich Karl*a der*die Grosse das Debattierhaus mit dem Fokus Chancen. Aus verschiedenen Perspektiven mit Podiumsdiskussionen, Workshops und partizipativen Aktivitäten sollte das Thema beleuchtet werden. Ich, Pascale Speck, erhielt den Auftrag zusammen mit Séverine Antille ein Kunstprojekt mit Sozialhilfebezüger*innen der Stadt Zürich zu leiten. Der Projektauftrag begann im November 2023 mit einer Konzeptphase. Basierend auf künstlerischen Recherchen und Austausch mit Sozialarbeiter*innen entwickelten wir einen Grundriss für die Austauschformate mit interessierten Teilnehmer*innen. Während mehrerer Workshops ab März 2023 wurde das kooperative Kunstprojekt «Unsere Chancen» dann durchgeführt und mit einem gemeinsam kuratierten öffentlichen Abschlussfest am 30. Juni 2023 gefeiert.

Fragestellungen

Auf inhaltlicher Ebene war das Projekt von folgenden drei Fragen geleitet: 

  • Was entsteht, wenn sich Sozialhilfebezüger*innen aus den Zürcher Kreisen 3, 4 und 5 auf individueller und persönlicher Ebene mit dem Thema Chancen befassen? 
  • Wie nehmen sie Chancenungleichheit wahr? 
  • Welche Faktoren führen zur Ungleichheit und was müsste sich ändern?

Diesen Fragen galt es, gemeinsam mit den Teilnehmer*innen nachzugehen. Wie die dafür angemessene Debattierplattform gestaltet wird, war die zentrale vermittlungstechnische Frage:

  • Wie findet ein gleichberechtigter Umgang zwischen Projektleiterinnen und den Teilnehmer*innen statt?
  • Wie gehen wir als Gruppe mit dem Attribut «Sozialhilfebezüger*in», welches der Zielgruppenzuschreibung des Projekts (von Karl*a der*die Grosse) entspricht, um?

«Kommunikative Reflexivität» als theoretische Grundlage

Betreffend des Umgangs mit der Zielgruppenzuschreibung «Sozialhilfebezüger*in» diente mir die Publikation «Für wen Kulturvermittlung?» von Carmen Mörsch 1 als theoretische Grundlage. In ihr schildert Mörsch, unter welchen Umständen Kulturvermittlung zu einer gegenseitig gleichermassen interessierten Austauschbeziehung werden kann. Sie schlägt «kommunikative Reflexivität» als professionelle Haltung vor, die darauf beruht, «gemeinsam mit den Angesprochenen herauszufinden, was die gegenseitigen Interessenlagen sind, und klare Absprachen zu treffen, wer aus der Zusammenarbeit was gewinnt.» 2

Persönliche Umsetzung

Vorbereitungsphase

Um diese kommunikative Reflexivität während den Workshops leisten zu können, vertiefte ich einerseits mein Wissen betreffend des Themas Sozialhilfe. Ich studierte das Schweizer Sozialhilfesystem und hielt direkten Austausch mit dem Sozialarbeiter Dylan Donno des Sozialhilfezentrums Helvetiaplatz. Andererseits war die Vorbereitungszeit geprägt von der Reflexion meiner eigener Vorurteile und Unsicherheiten im Umgang mit Sozialhilfebezüger*innen. Bis dahin hatte ich noch nie mit Menschen, die mit dieser Zuschreibung leben, bewusst zusammengearbeitet. Dementsprechend herausgefordert war ich in meinem Bemühen, den Teilnehmenden als Projektleiterin weder zu wenig reflektiert und damit ignorant noch zu offensiv-progressiv und damit überkompensierend und unauthentisch zu begegnen. Durch Dylan Donno lernte ich viel über die praktischen Vorgänge in einem Sozialhilfezentrum und die damit verbundene Lebensrealität seiner Klient*innen. Zusätzlich vermittelte er mir seine professionelle Haltung, die er in seiner Tätigkeit im Umgang mit Klient*innen vertritt. Diese Erfahrungen zu hören stärkte meinen Mut, die Umsetzung des Kunstprojekts zuversichtlich und neugierig voranzubringen. 

Workshopphase

Die Rolle von Séverine und mir als die beiden Projektleiterinnen realisierte sich schliesslich so: Wir kümmerten uns um die Organisation der Treffen, boten die Workshops an, betreuten die künstlerischen Aktivitäten (wie Impro-Sessions, Fotografie-Übungen, Textwerkstatt, Performanceübungen etc.), befragten und integrierten die Interessen und Wünsche der Teilnehmenden für die weiteren Workshops und die Abschlussveranstaltung. Zudem diskutierten wir im Bestreben nach kommunikativer Reflexivität die Zuschreibung «Sozialhilfebezüger*innen» mit den Teilnehmer*innen. Wir dokumentierten und reflektierten die in den Workshop generierten Inhalte (u.a. auch die Meinungsbeiträge aus den Diskussionsrunden), basierend auf denen wir weitere kuratorische Angebote entwickelten. 

Drei Erkenntnisse

Eine erste Erkenntnis, die ich aus der Erfahrung der Workshopleitung mitnehme, ist: Wenn ich meine eigenen Vorurteile und Position, aus der ich vermittle, kenne, bin ich bereit anzufangen. Wie oben geschildert war es zentral, bei mir selbst zu beginnen. Wenn ich die eigenen Unbehagen klar identifiziere, gelingt es leichter, an diese anzudocken und sie durch Austausch mit Expert*innen oder mit Hilfe anderer Lernaktionen zu lösen. 

Meine zweite Erkenntnis lautet: Egal welche Zuschreibung eine Zielgruppe hat, der grösste gemeinsame Nenner ist jener, dass wir Menschen sind. Diese Erkenntnis mag banal bis naiv erscheinen. Mit ihr will ich unsere sozialen Herkünfte und soziokulturellen Prägungen jedoch keineswegs verleugnen noch als nichtig bewerten. In diesem Projekt, in welchem ich mir speziell viele Gedanken um den korrekten Umgang mit den Teilnehmer*innen machte, beeindruckte mich, dass die erinnerungsstärksten Momente die waren, in denen unsere Zuschreibungen in den Hintergrund rückten. Beim gemeinsamen Kaffeetrinken und Mittagessen im Karl*a der*die Grosse Bistro zum Beispiel. Dann, wenn wir uns über unsere Lieblingsgerichte, das beste Gipfeli der Stadt, Schach oder Schauspielerei unterhielten. In diesen Momenten begegneten wir uns auf Augenhöhe. Und da, auf Augenhöhe, konnten wir Vertrauen aufbauen. Wir kamen uns näher.

Die dritte Erkenntnis entsprang aus dem persönlichen Austausch mit Workshopteilnehmerin Katharina. Dank ihrem Feedback wurde mir deutlich: Jeder Erfahrungshorizont hat seine Vorteile. Auch der von mir, einer 28-jährigen Projektleiterin. Tatsächlich fand sie mein vergleichsweise junges Alter für ihre eigene Anmeldung an diesem Projekt gar ein Grund. Ich habe sie so verstanden, dass sie bei langjährig tätigen Projektleiter*innen, die bereits in der Kulturbranche eingesessener sind, Offenheit zur kooperativen Arbeitsweise als weniger selbstverständlich hält. Zwischen mir als Projektleiterin, die an der ZHdK studiert, und ihr sieht sie einen ebeneren Zugang. Als relativ junge Person ist mir klar, dass ich meine Arbeit nutze, um zu lernen. Diese Haltung und die Hoffnung, dass jemand wie ich durch die Auseinandersetzung mit Lebensrealitäten von Sozialhilfebezüger*innen ihre Erkenntnisse in zukünftigen entscheidungswirksamen professionellen Positionen einfliessen lassen wird, verdienten es für Katharina, eine Chance zu bekommen.

Fazit und Ausblick

Das Konzept der «kommunikativen Reflexivität» von Mörsch verlieh mir als fundierte Leitlinie Sicherheit, um dem Bestreben nach «Augenhöhe» wirksam nachzukommen. Dieses Bestreben war erfolgreich, was sich nicht zuletzt an der öffentlichen Abschlussveranstaltungen zeigte. Die Interessenlagen der Teilnehmer*innen wurden beispielsweise bei Francisco in seiner Tätigkeit als DJ des Abends abgerufen. Teilnehmerin Katharina trug in einer eindrucksvollen Textperformance ihr «Plädoyer zur Entstigmatisierung von Sozialhilfebezüger*innen vor. Andere Teilnehmer*innen schrieben Blogbeiträge, die weiterhin Online zu lesen sind (siehe: https://www.karldergrosse.ch/programm/unsere-chancen). Was offen bleibt, ist wie (und ob als vorspezifizierte Zielgruppe) «Sozialhilfebezüger*innen» zukünftig in einer Kulturinstitution wie Karl*a der*die Grosse am besten eingebunden werden. Dieses Projekt bietet einen positiven Anfang für weiteren Austausch. Persönlich hat sich mir dank der Resonanz der engagierten Teilnehmer*innen klar gezeigt, dass sich das Potenzial gelebter Partizipation auszuschöpfen auf jeden Fall weiter lohnt.

  1. Mörsch, Carmen: Für wen Kulturvermittlung?, in: Institute for Art Education der Zürcher Hochschule der Künste (Hg.): Zeit für Vermittlung. Eine Online Publikation zur Kulturvermittlung. Herausgegeben im Auftrag von Pro Helvetia 2013, S. 43-62, unter: http://www.kultur-vermittlung.ch/zeit-fuer-vermittlung/ (Zugriff:
    21.08.2015) ↩︎
  2. Mörsch, Carmen: Für wen Kulturvermittlung?, in: Institute for Art Education der Zürcher Hochschule der Künste (Hg.): Zeit für Vermittlung. Eine Online Publikation zur Kulturvermittlung. Herausgegeben im Auftrag von Pro Helvetia 2013, S. 60, unter: http://www.kultur-vermittlung.ch/zeit-fuer-vermittlung/ (Zugriff:
    21.08.2015) ↩︎