Als Kunstvermittlungskollektiv waren wir im Rahmen des Projekts «Recht auf Wir» eingeladen, eine konkrete Initiative für das Workbook umzusetzen – ein Projekt, welches das dominante Wir-Verständnis der (gefühlten) schweizerischen Mehrheitsgesellschaft hinterfragt: Wer ist gemeint, wer gehört dazu, wer nicht? Welche Geschichten, Erfahrungen und Perspektiven finden Anerkennung, und welche werden marginalisiert oder ausgegrenzt?
Ausgehend von dieser Fragestellung haben wir uns gefragt, wie Jugendliche, die heute in der Schweiz aufwachsen, die Gegenwart erleben und die Zukunft sehen. Inwieweit beeinflussen soziokulturelle Unterschiede ihre Erwartungen – oder auch nicht? Vor allem aber motivierte uns das Anliegen, ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Wünsche auszudrücken, miteinander in Verbindung zu treten und dadurch einen Austausch zu fördern, der neue Perspektiven sichtbar machen und eine Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen „Wir“ ermöglichen sollte.
Projektion als poetische Metapher
Dabei spielte anfänglich die Projektion als poetische Metapher eine zentrale Rolle: Träume und Zukunftswünsche sollten nicht nur verbalisiert, sondern auch sichtbar gemacht werden – durch Projektion auf die eigenen Körper und die der Gleichaltrigen. Gleichzeitig begann ein Briefaustausch über Gegenwart und Zukunft zwischen den Jugendlichen verschiedener Schulen mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen, Perspektiven und Subjektivitäten. Welche Gemeinsamkeiten sehen sie? Wo liegen Unterschiede?
Die während der Umsetzung des Projekts durchgeführten Aktionen zwischen Zürich, Aarau und Basel wurden als Erprobungen verstanden, aus denen sowohl positive Aspekte als auch Verbesserungspotenziale für eine zweite Phase abgeleitet wurden.
PROBE 1 / Phase 1:
WIR projizieren – projecting WE – Winter 2023
Im Rahmen von Probeworkshops an der PH FHNW Muttenz und der ZHdK haben wir mit unterschiedlichen Fragestellungen, Medien und Projektionsmöglichkeiten gearbeitet. Insgesamt hatten wir vier unterschiedliche Settings bereitgestellt.
BESCHREIBUNG
Was erwarte ich von dir? Was erwartest du von mir? Bin ich mir über meine eigenen Erwartungshaltungen an dich bewusst? Welche Bilder und Vorstellungen steuern vielleicht unbewusst mein Denken und Handeln? Was projiziere ich in mein Gegenüber, was mit diesem vielleicht nur ganz wenig zu tun hat? Können wir diesen Projektionen auf die Schliche kommen und sie sichtbar werden lassen?
Wir projizieren – Vorstellungen und schliesslich ganz konkrete Wörter und Bilder – in den Raum und auf unsere Körper. Durch künstlerische Zugänge, die sich im doppelten Wortsinn der Projektion widmen, versuchten wir in «verborgene Ecken» subtiler Erwartungshaltungen zu leuchten. Dieser Workshop war die kompakte Form eines auf längere Zeit angelegten Projekts, welches wir mit Schüler*innen umsetzten. Widmeten sich die Schüler*innen in Tagebucheinträgen ihren Gedanken, tauchten wir hier in die Methode des reflective journals ein und gelangten so ins Projizieren. Dies half uns, unsere Handlungen in Schulsituationen und Interaktionen unterschiedlichster Art zu reflektieren.
SETTING
- Reflective Journal: Jede*r Teilnehmende erhielt ein Journal zur schriftlichen Reflexion.
- Laptop für Loops: Antworten wurden direkt getippt und projiziert.
- Folien & Smartphone-Projektionen: Improvisierte Projektionen mit Handy und Folien.
- Smartphone-Schuhschachtel-Projektor: Eigenes Bildmaterial konnte damit projiziert werden.
- iPad für Live Drawing: Digitale Zeichnungen zur kreativen Reflexion.
ABLAUF DER METHODE
- Während des Workshops standen den Teilnehmenden verschiedene kreative Methoden zur Reflexion und zum Austausch zur Verfügung. Jede*r erhielt ein Reflective Journal, in das persönliche Gedanken und Antworten zu den Fragestellungen eingetragen werden konnten.
- Für die direkte Visualisierung von Ideen kamen digitale und analoge Projektionen zum Einsatz: Antworten wurden in den Dialog eingebunden, indem sie direkt auf dem Laptop getippt und projiziert wurden (Loops).
- Zusätzlich konnten die Teilnehmenden ihre Gedanken auf Folien schreiben und mithilfe eines Smartphones improvisierte Projektionen erstellen.
- Zur weiteren künstlerischen Gestaltung wurden eigene Bildmaterialien genutzt, die durch einen selbstgebauten Smartphone-Schuhschachtel-Projektor projiziert wurden. Ergänzend dazu ermöglichte Live Drawing auf dem iPad, sich kreativ mit der Frage auseinanderzusetzen: „In welchen Situationen wünschst du dich als Teil von etwas?“


ERKENNTNISSE
- Einfache, konkrete Fragestellungen sind zielführender.
- Das Projizieren auf Körper in den Vordergrund rücken (positives Feedback und deutlicher Wunsch der Teilnehmenden).
- Poetische Workshopbeschreibung beibehalten und einlösen.
- Sich auf ein Tool beschränken bzw. verschiedene Tools langsamer einführen
- Theoretisches Fundament bereitstellen
- Zeichnen beibehalten
- Die Suche eigener Bilder auf dem Smartphone kann überfordernd sein.
PROBE 2 / Phase 1:
Was wünschst du dir für dein Leben? – Frühling 2024
Schulklasse: Integrations- und Berufsfindungsklasse (IBK), 9. Schuljahr
Schüler*innen: 22 /// 4 weibl., 18 männl. + eine Klassenassistenz
BESCHREIBUNG:
Im zweiten Workshop setzten sich die Jugendlichen mit der Frage auseinander: „Was wünschst du dir für dein Leben?“. Sie hatten die Möglichkeit, ihre Antworten sowohl in ihrer Muttersprache als auch auf Deutsch zu formulieren und auf transparente Folien zu schreiben. Diese Texte wurden anschliessend auf ihre Körper projiziert – eine poetische Verbindung zwischen Sprache, Identität und Sichtbarkeit. Durch diese künstlerische Auseinandersetzung konnten die Jugendlichen ihre Wünsche nicht nur ausdrücken, sondern auch auf besondere Weise in den Raum tragen und sichtbar machen. Der Dialog mit sich selbst und der Aussenwelt wurde so auf einer ästhetischen und reflektierenden Ebene erfahrbar. Das Ziel des Workshops war es, den Jugendlichen zu ermöglichen, ihre Wünsche und Lebensziele kreativ auszudrücken und eine Verbindung zu ihrer Identität sowie zur Aussenwelt herzustellen.
KONTEXT:
Die Hälfte der Klasse sind unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA). Einige wohnen zusammen in einer Wohneinheit für unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Es gibt Schüler*innen, die mit ihrer Familie zusammenleben und bereits eine doppelte Migrationsgeschichte innerhalb einer Generation zu erzählen haben. Die meisten Jugendlichen in dieser Klasse sind mit dem Start des Schuljahres erst ein paar Monate bis hin zu einem knappen Jahr in der Schweiz. Sie haben in der Regel einen regionalen Integrationskurs absolviert und steigen nun aufgrund ihres Alters (15-16 Jahre) direkt in diese Spezialklasse ein: Integrations- und Berufsfindungsklasse. Sie absolvieren hier ein 9. Schuljahr mit dem Ziel, die Sprachfertigkeiten auszubauen und im Idealfall finden die Schüler*innen bis zum Ende des Schuljahres Lehrstellen oder weitere schulische Anschlussmöglichkeiten.
Die Vorbildung der Jugendlichen ist äusserst divers. Manche sind gut ausgebildet und schauen bereits auf elf Schuljahre zurück. Andere wiederum waren nur 2-5 Jahre in einer Schule und verliessen diese aufgrund der Flucht frühzeitig. Manche von ihnen sind lückenhaft alphabetisiert.
Fehlende Ausdrucksmöglichkeiten, Missverständnisse und fehlende Impulskontrolle führten zu einem durchwachsenen Start mit einer der Gruppen zu Beginn des Schuljahres. Diese Gruppe war sehr homogen, fiel immer wieder in die Herkunftssprache zurück und war anfangs recht streitanfällig. Ein Jahr des ständigen Dran-Bleibens, des Geduld-Probens, des immer wieder Ruhe-Ausstrahlens und Grenzen-Setzens. Und es gab sie auch: immer wieder die Momente, in denen sie sich auf gestalterische Prozesse einlassen konnten, in denen Erfahrungen und Erzählungen geteilt wurden und die Beziehungsarbeit Früchte trug.
Gegen Ende des Schuljahres starteten wir unsere Erprobung: “Was wünschst du dir für dein Leben?”
SETTING:
- Folie & Stifte: Antworten können in der Muttersprache und/ oder auf Deutsch auf transparente Folien geschrieben werden
- Projektor: Die Texte werden auf die Körper der Teilnehmenden projiziert und gefilmt.
- Audioaufnahmen (mittels Smartphone)
- Raum (mit Verdunklungsmöglichkeit)
ABLAUF DER METHODE:
- Einführung & Fragestellung: “Was wünschst du dir für dein Leben?“
- Formulierung der Antworten: Die Jugendlichen schreiben ihre Wünsche in ihrer Muttersprache und/oder auf Deutsch auf transparente Folien.
- Projektion & Visualisierung
- Die geschriebenen Texte werden mit dem Projektor auf die Körper der Teilnehmenden projiziert.
- Die Projektionen werden fotografisch oder filmisch dokumentiert.
- Reflexion & Austausch

ERKENNTNISSE: “Was wünschst du dir für dein Leben”
Im Frühjahr waren Sprachkenntnisse, Vertrauen und Selbstsicherheit im Sich-Ausdrücken-dürfen ausreichend vorhanden, um mit dem Projekt starten zu können. Bei dieser Aufgabenstellung war auffallend, dass die Schülerinnen und (hauptsächlich) Schüler nicht zum Mitmachen animiert werden mussten. Sie starteten sofort Sprichwörter aus ihren Herkunftssprachen zu suchen oder formulierten eigene Wünsche. Es war eine Motivation im Raum spürbar, die sich nur langsam über die Zeit des Schuljahres entwickelt hatte. Die Aufforderung, unbedingt auch mit ihren Muttersprachen zu arbeiten, machte die Jugendlichen stolz. Sie halfen sich gegenseitig und waren engagiert bei der Sache.
Hilfreich war sicher, dass die Frage zu ihrem Lebensabschnitt passte: Standen sie doch kurz davor, die Schule zu verlassen. Sie beschäftigten sich in dieser Zeit intensiv damit, wie ihr weiteres Leben verlaufen könnte.
PROBE 3 / Phase 2:
Austauschaktion – Sommer 2024
Die Austauschaktion fand zwischen zwei Integrations- und Berufsfindungsklassen (IBK), einer Realschulklasse und zwei Klassen eines Gymnasiums sowie dem RU Kollektiv statt.
BESCHREIBUNG:
Im Rahmen von „Recht auf Wir“ entschied sich das RU Kollektiv nach den beiden ersten Workshops bzw. Proben dazu, als Brücke zu agieren, um den Dialog zwischen Jugendlichen aus zwei Schulen, unterschiedlichen Kontexten und Städten zu fördern. In der Auseinandersetzung mit der Bedeutung von „Recht auf Wir“ setzten wir uns das Ziel, Raum für einen kreativen Dialog zu schaffen, in dem die Teilnehmenden ihre Realitäten, Träume und Fantasien ausdrücken und ihre Ähnlichkeiten sowie Unterschiede erkennen und teilen konnten.
Die Aktivitäten fanden in fünf Klassen statt, jeweils begleitet von einem Mitglied des Kollektivs und der jeweiligen Lehrperson. Eine von uns besuchte alle fünf Klassen und transportierte die entstandene Korrespondenz zwischen den Gruppen.
Durch das Erstellen von Fanzines – Blankoversionen wurden im Voraus zur Gestaltung vorbereitet – reflektierten die Jugendlichen über ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das entstandene Material wurde zwischen den Gruppen weitergegeben und weiterentwickelt, was einen inspirierenden und dialogischen Austausch ermöglichte.
Nach einer kurzen Einführung konnten die Schüler*innen die Fanzines eigenständig gestalten. Sie setzten sich mit den Themen Identität und Zukunft auseinander und traten bereits in einen gegenseitigen Austausch. Wir beobachteten, dass sie sich bei der Gestaltung direkt an die Adressat*innen richteten. Es wirkte, als würden sie sich auf die Antworten der anderen Klassen freuen.
Viele äusserten den Wunsch nach einer Familie, einem Haus und beruflichem Erfolg. Oft wurde auch der Wunsch nach Reisen und Geld genannt. Wir fragten uns: War uns bewusst, wie konservativ unsere Schüler*innen sind? Spiegeln diese Wünsche einen Mangel an alternativen Vorbildern oder eher ein Bedürfnis nach Sicherheit?
Trotz der unterschiedlichen Kontexte zeigten sich viel mehr Gemeinsamkeiten, als wir erwartet hatten. Ängste, Hoffnungen und Zukunftsbilder ähnelten sich auf beiden Seiten – ein Hinweis darauf, dass das „Recht auf Wir“ nicht nur ein Slogan ist, sondern ein reales Potenzial, wenn sichere, kreative und gemeinsame Räume geschaffen werden.
Doch es stellte sich auch eine unbequeme Frage: Auch wenn die Jugendlichen ähnliche Wünsche äusserten – meist materiell geprägt – wissen wir, dass nicht alle dieselben Chancen haben werden, sie zu verwirklichen. Ist das wirklich der Sinn des Lebens? Was bringen wir unserer Jugend eigentlich bei? Diese Erfahrung lädt uns ein, über das „Recht auf Wir“ nicht nur als ein Recht auf Teilhabe oder Zugehörigkeit nachzudenken, sondern auch als ein Recht auf ein gutes Leben, jenseits des Konsums. Ein Leben mit Würde, Sinn, Fürsorge und Gemeinschaft.
ABLAUF
KONTEXT:
- Die Aktivität wurde in beiden Schulen im Bildnerisches Gestalten-Unterricht durchgeführt.
- Sie kann gut in 90 Minuten pro Unterrichtseinheit durchgeführt werden.
- Eine Person aus dem Kollektiv begleitete den Prozess und transportierte die Post zwischen den Gruppen. Wir kamen zu dem Schluss, dass es für die Durchführung einer solchen Aktivität vorteilhaft ist, eine Person von ausserhalb des schulischen Kontextes dabei zu haben.
- Materialien: Zeitschriften für Collagen, Stempel, Buntstifte.
- Die Blätter waren vorbereitet und gedruckt, bereit zum Falten und Ausfüllen (Material verfügbar).
METHODE:
- Einführung in den Workshop.
- Kurze Beschreibung des Projekts „Recht auf Wir“ mittels Folien.
- Vorstellung des Fanzine-Formats: Was es ist und warum es gewählt wurde, mit Beispielbildern.
- Fanzine-Gestaltung: Es werden A3-Blätter mit einem Design verteilt, das anhand gedruckter Fragen ausgefüllt werden soll:
- Zuerst wird das Rückcover gestaltet: der Name wird geschrieben und frei in Bezug auf die eigene Identität gestaltet – dies kann durch Zeichnen, Schreiben oder Collagieren geschehen.
- Dann wird das Fanzine gemäss den Format-Anweisungen gefaltet und die folgenden Fragen mit Collagen-Techniken, Zeichnungen und/oder kurzen Texten beantwortet:
- Wer bist du?
- Welchen Beruf möchtest du erlernen?
- Welche Träume und Visionen hast du für dein Leben?
- Was ist/ war ein wichtiges Erlebnis in deinem Leben?
- Die letzte Seite des Fanzines widmet sich einem Wunsch an die Adressat:innen der Fanzines.
HIN UND HER
- Die Jugendlichen aus Basel begannen die Aktion, indem sie das Fanzine zusammenstellten und die Fragen beantworteten, wobei sie immer Platz für eine Antwort liessen. Die Karten wurden verpackt und nach Aarau gebracht.
- Die Schülerinnen und Schüler der Schule in Aarau erhielten Post von ihren Peers aus Basel und antworteten mit Zeichnungen und Texten, die dann an die Schüler*innen in Basel zurückgegeben wurden.
- Aufgrund des Interesses der Jugendlichen wurde ein Live-Treffen organisiert, das als weitere Aktivität beschrieben wird (siehe weiter unten «Probe 4»).
VERBESSERUNGSPOTENZIALE:
- Die Fragen können sehr ähnliche Ergebnisse liefern. Vorschlag: Abstraktes Denken mit Zeichenübungen oder anderen künstlerischen Mitteln fördern.
- Sprachliche Schwierigkeiten bei einigen Teilnehmenden. Vorschlag: Notwendige Übersetzungen vorbereiten.
- Die Collage-Technik nimmt zu viel Zeit in Anspruch. Vorschlag: Zeichentechnik mit Buntstiften verwenden. Gegebenenfalls mit dem Thema/ der Technik aus vorherigen Unterrichtseinheiten verknüpfen.





PROBE 4 / Phase 2
Reflexion und Kennenlernen – Winter 2025
Schüler*innen aus Integrations- und Berufsvorbereitungsklassen besuchen ihre Briefaustauschklasse im Gymnasium.
BESCHREIBUNG: Begegnung im Klassenzimmer – ein Besuch
Inmitten von Weihnachtsstimmung, Mandarinenduft und dem Abgabestress vor den Ferien kündigt sich ein besonderer Besuch im Klassenzimmer an. Nach dem Briefaustausch zwischen fünf Klassen aus zwei verschiedenen Schulen, kam es zu einem Treffen einer Gruppe Jugendlicher der Realschule mit einer zweiten Gymnasial-Klasse. Begleitet von Fragen hatte das Treffen zum Ziel, über das bisher Erreichte zu reflektieren und einen direkten Austausch zwischen zwei Gruppen zu ermöglichen.
Die im Unterricht gestalteten Fanzines dienen als Gesprächsanlass, doch schnell entwickelt sich der Austausch auch in alltägliche Richtungen – etwa über Lieblingsessen oder persönliche Vorlieben. Dabei wird deutlich: Es gibt einige Gemeinsamkeiten.
Die Fragen, die die Reflexion begleiteten, waren: Schauen Sie sich 5 Briefe/Fanzines an – Was fällt auf? Lassen sich zwischen den Fanzines Gemeinsamkeiten finden? Tauschen Sie sich über Ihre Erfahrungen aus – Reisen, Wünsche… , Was hat Ihnen an der Arbeit an und mit den Fanzines gefallen? Was hat Sie beim Austausch über die Fanzines überrascht? Was nehmen Sie von dem Austausch mit?

Schon zu Beginn zeigt sich eine gemischte Dynamik: Während manche noch zögerlich sind, begegnen andere einander offen und neugierig. Mit der Zeit entsteht eine vertrautere Atmosphäre.
Jeweils 2-3 Schüler*innen der besuchten Klasse gesellten sich für ein paar Minuten zum Tisch, um gemeinsam die Fanzines zu betrachten und in einen Austausch zu gelangen. Zu Beginn stellten sich die Jugendlichen vor – sie wählten eine Vorstellung mit Name, Alter und Heimatland. Öfters haben sie sich schon bei der Namensnennung gleich nach den Muttersprachen gefragt und sich gefreut, wenn sie zum Beispiel bei der Sprache oder Familienherkunft ein gemeinsames Land feststellen konnten.
ERKENNTNISSE
Aus Gründen des Stundenplans und der über einstündigen Anreise, besuchten nur fünf Schüler*innen zusammen mit der Fachlehrperson eine der Klassen am Gymnasium. Die fünf Jugendlichen waren positiv aufgeregt. Sie freuten sich über den Ausflug und darauf, andere Jugendliche zu besuchen. Auch waren sie etwas nervös und hatten Bedenken, dass ihr Deutsch nicht ausreichen könnte, sich gut zu unterhalten. Es dauerte etwas, bis das Eis gebrochen war und die Schüler*innen sich trauten, sich flüssiger zu unterhalten.
Am nächsten Tag zurück in der Schule erzählten die fünf Jugendlichen der ganzen Klasse, wie das Treffen mit den Schüler*innen des Gymnasiums gelaufen ist. Als Lehrperson hatte ich das Gefühl, dass diese fünf einen wahren Schub an Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit durch diesen Ausflug erfahren hatten. Wir bildeten in der Schule nun fünf unterschiedliche Gruppen – in jeder Gruppe war eine Person, die am Ausflug teilgenommen hatte. Die Schüler*innen versuchten nun das Erlebte – sowohl den Briefaustausch, als auch das Treffen zu reflektieren.
Hier ein paar Wortmeldungen (sinngemäss):
“Wir möchten mehr solche Ausflüge machen, mehr Leute und andere Orte kennenlernen, weil wir sonst immer nur unter uns sind – Schweizer*innen kennenlernen.”
“Wir haben festgestellt, dass unser Deutsch ausreichend ist, um uns zu unterhalten.”
“Die anderen Jugendlichen sind so nett!”
“Die Jugendlichen, die wir besucht haben, kommen ja zum Teil auch aus anderen Ländern.”
“Wir möchten mehr treffen, dann aber etwas Cooles machen, wie kochen, Musik hören oder einen Ausflug machen.”
“Wir möchten sie einladen, nun unsere Schule zu besuchen, um gemeinsam zu kochen.”
“Manche haben die gleichen Berufswünsche – egal von welcher Schule.”
Die Klasse, die besucht wurde, berichtete, dass Sie es spannender gefunden hätten, wenn die Gespräche ohne Lehrpersonen stattgefunden hätten – sie merkten an, dass die Gespräche in einer ungezwungenen Umgebung vermutlich entspannter verlaufen wären. Auch gemeinsames Kochen wurde als erwünschte Möglichkeit genannt, um sich kennenzulernen.
Grundsätzlich war das Feedback der Schüler*innen durchweg positiv, es sei interessant gewesen, anhand der Fanzines einen Einblick in die Wünsche einer anderen Person zu bekommen. Betont wurde die für sie stimmige Form, über den schriftlichen Weg in einen Austausch zu kommen.
Nach zwei Lektionen verabschieden wir uns. Was bleibt? Die Erkenntnis, dass solche Begegnungen wertvoll und bereichernd sind. Zugleich wird deutlich, dass ein anderes Setting – abseits des klassischen Unterrichts, informeller und alltagsnäher – den Austausch freier gestalten und vertiefen könnte.
Für die Besuchten war das schulische Umfeld/ der Ort vertraut, für die Besuchenden hingegen neu. Ein Gegenbesuch hätte womöglich einen anderen Gesprächshorizont eröffnet, eine andere Erinnerung hinterlassen. Aus strukturellen Gründen war uns dieser Gegenbesuch nicht möglich. Die entstandenen Begegnungen bieten vielleicht die Chance, Vorurteile abzubauen, Gemeinsamkeiten zu entdecken und soziale Brücken zu schlagen – im besten Fall über den Schulalltag hinaus. Am Rande haben wir mitbekommen, dass einige Schüler*innen sich über Social Media Kanäle «connected” haben.






