Das Projekt «FE:IN – FÜR EIN INKLUSIVES NACHTLEBEN» ist Teil des städtischen Jugendkulturhaus Treibhaus. Konkret wurde eine inklusive Projektgruppe gegründet, die Veranstaltungen (Konzerte, Party etc.) organisiert, welche die Bedürfnisse von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung berücksichtigen. Mitte Mai 2024 hat bereits die dritte Veranstaltung stattgefunden.
Die Inklusion von Menschen mit einer Beeinträchtigung ist in der Schweiz eine gesamtgesellschaftliche Debatte, welche seit Jahren politisiert wird. Insbesondere seit 2014, als die Schweiz die UNO-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) ratifiziert hat. Sie hat das Ziel einer inklusiven Schweizer Gesellschaft. Dass die Anforderungen der UN-BRK bisher unerfüllt bleiben, offenbart der veröffentlichte Schattenbericht des Dachverbandes Inclusion Handicap im März 2022. Die Teilhabe und Mitbestimmung für Menschen mit einer Beeinträchtigung kann nach wie vor nicht gewährleistet werden. Dieser Missstand war auch im Jugendkulturhaus Treibhaus Luzern wahrzunehmen. Das Treibhaus ist ein niederschwelliges Lernfeld für Jugendliche und junge Erwachsene bei der Gestaltung und Umsetzung von kulturellen Veranstaltungen. Es ist ein Ort der Selbstorganisation und des Empowerments für junge Erwachsene, die am jugendkulturellen Leben der Stadt Luzern teilhaben wollen. Aktuell wirken rund 100 Personen aktiv am Geschehen mit.
Obwohl das Treibhaus ein offener Ort ist, der gesellschaftlichen Entwicklungen offen gegenübersteht, fand die Inklusion von Menschen mit einer Beeinträchtigung bisher kaum statt. So wurde 2023 das Projekt «FE:IN» ins Leben gerufen. Die Grundwerte des Treibhauses, das Ziel der infrastrukturelle Barrierefreiheit und die Erkenntnis, dass Menschen mit Beeinträchtigung ein Teil der Zielgruppe sind, waren für das Projekt leitend.
Gerechte Teilhabe durch Begegnungsmöglichkeiten.
Die im Rahmen des Projekts «FE:IN» vorgängig durchgeführte Situationsanalyse beinhaltete Interviews, Gespräche und Raum-Begehungen. Zusammenfassend ergab sich bei zwei Themen ein grosser Handlungsbedarf: Zunächst die Gerechte Teilhabe, um Menschen mit Beeinträchtigungen den Zugang zu öffentlichen kulturellen Räumen zu ermöglichen und den Forderungen der UN-BRK gerecht zu werden. Das zweite Thema ist die Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten zwischen Personen mit und ohne Beeinträchtigungen, um die Sensibilisierung und Entstigmatisierung in unserer Gesellschaft voranzutreiben.
Umsetzung
Für das Projekt hat sich durch Social Media, persönliche Kontakte und Anfragen an Institutionen eine inklusive Programmgruppe aus 14 Personen zusammengefunden. Es wurden drei Arbeitsgruppen mit unterschiedlichem Fokus gebildet. Die Fokusthemen waren «Raum», «Kommunikation» und «Veranstaltungsinhalt». Für die Organisation der ersten Veranstaltung hat sich die Programmgruppe in einem Zeitrahmen von vier Monaten mehrmals getroffen. Nach monatelanger Planung und Organisation lief die erste Veranstaltung im Juni 2023 bei schönstem Wetter an. Bereits nach dem Mittag begann die Programmgruppe mit dem Aufbau und den Vorbereitungen. Nebst der altbekannten Veranstaltungs-Routine im Treibhaus, wie der Gestaltung der Räumlichkeiten und der Soundchecks der Musiker:innen, wurden wichtige Anpassungen vorgenommen, die allen Besuchenden einen möglichst barrierefreien Tag zu ermöglichen. Eine temporäre Rampe erleichterte den Zugang zum Loungebereich, die Garderobe wurde kurzerhand zur barrierefreien Bar umfunktioniert und durch Piktogramme wurde die Orientierung im Raum erleichtert. Zusätzlich wurden visuelle Symbole auf der Getränkekarte ergänzt, um die Auswahl zu vereinfachen. Was für manche unauffällig ist, macht für andere einen entscheidenden Unterschied.
Nach den guten Vorbereitungen durften wir die ersten Gäste begrüssen. Das Programm setzte sich aus diversen Aktivitäten zusammen. Ob bei entspanntem Beisammensein mit erfrischenden Getränken, auf der Tanzfläche, beim Singen oder Spielen im Garten – für jeden Geschmack der rund 150 Besuchenden war etwas geboten. Die Höhepunkte waren zwei Konzerte. Zuerst spielte die Luzerner Pop-Cover-Band «Gin & Tuiceday» Lieder zum Mitsingen, die das Publikum begeisterten. Nach einer Pause trat die Luzerner Rap-Combo «Iwes & Big Pleisch» auf und sorgten für eine lebhafte Stimmung. Die musikalische Vielfalt fand Zuspruch bei den Gästen. Im Verlauf des Abends intensivierte sich der Kontakt unter den Besuchenden, was zu einer sehr inklusiven Stimmung beigetragen hat.
Nach den Konzerten startete die Disco. Unterschiedlichen Dj’s spielten vielfältige Musik, was die Diversität in unserer Gesellschaft und auch die Idee der Inklusion unterstrich. Der gesamte Event kann als Erfolg gewertet werden, er ist ein weiterer Anstoss hin zu einem inklusiveren Zusammenleben. Mittlerweilen haben bereits zwei weitere Veranstaltungen stattgefunden. Letztere im Rahmen der Nationalen Aktionstage der Behindertenrechte unter dem Motto 80er/90er. Der Zuspruch war erneut hoch.
Do’s für Inklusive Projekte
Es stellt sich die Frage, welche Schlussfolgerungen aus dem Projekt FE:IN gezogen werden können. Zunächst mal muss der Prozess der Inklusion als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Verantwortung wahrgenommen werden und auf allen Ebenen sowohl gefördert als auch gefordert werden. Gleichzeitig aber benötigt Inklusion auch eine kontextbedingte Perspektive, abhängig vom Projekt oder der Situation. Folgend werden Aspekte genannt, welche das Projekt «FE:IN» positiv beeinflusst haben.
Inklusive Prozesse müssen verschiedene Blickwinkel, Interessen und Erfahrungen integrieren, was durch partizipative Herangehensweise und Methoden ermöglicht wird. Partizipation, als eines der wichtigsten Instrumente der Soziokultur, half dabei, die Bedürfnisse der Mitwirkenden zu ermitteln und angemessen darauf einzugehen. Weil diese Bedürfnisse im Vorhinein nicht bekannt waren, war ein frühzeitiger Start zentral. Im Projekt «FE:IN» begann der partizipative Prozess mit der gemeinsamen Suche nach einem passenden Namen und einer passenden Form der Zusammenarbeit. Die Mitgestaltung aller Beteiligten erfordert einen hohen Aufwand, lohnt sich aber, sie erhöht die Zufriedenheit und Teilhabe der Mitwirkenden. Die Möglichkeit, sich vollumfänglich einzubringen, stärkte signifikant die Identifikation der aller Beteiligten. Ein weiterer positiver Einflussfaktor war die Diversität in der Gruppe. Die Vielfalt an unterschiedlichen Hintergründen, Geschlechtern, Altersgruppen und Lebensrealitäten ermöglichte eine breitere Palette an Perspektiven. Es mag anfangs herausfordernd erscheinen, die verschiedenen Lebensrealitäten in einer Gruppe zu vereinen. Doch gelang es der Gruppe durch das gemeinsame Ziel einen inklusiven Raum zu schaffen, sowie durch das gemeinsame Interessen an Kunst und Kultur eine positive Gruppendynamik zu entwickeln. Heterogene Gruppen benötigen jedoch gemeinsame und auch klare Strukturen. In den drei erwähnten Arbeitsgruppen wurden Ansprechpersonen definiert. Dies vereinfachte die Kommunikation sowohl innerhalb der Gruppe als auch gegen aussen. Das Engagement dieser Personen war entscheidend, um langwierige Kommunikationswege zu umgehen und Ressourcen zu sparen. Um die Legitimität und Akzeptanz zu erhöhen, sollten solche Entscheidungen partizipativ getroffen werden. Zudem erwies sich eine offene Kommunikationskultur im Team als äusserst wichtig. Kontinuierlich sollten die Bedürfnisse der verschiedenen Teilnehmenden in die Kommunikationskultur integriert werden. Inklusion erfordert Mut und Respekt, und die Vielfalt der Menschen sollte thematisiert werden, wenn sie im Kontext relevant ist. Ein offener und empathischer Umgang fördert die Sensibilität füreinander und trägt zu einer inklusiven Umgebung bei. Auch über die individuellen Fähigkeiten der Mitglieder soll kontextuell gesprochen werden. Um eine gleichberechtigte Beteiligung am Projekt zu gewährleisten, sollten die Aufgaben entsprechend den individuellen Fähigkeiten verteilt werden. Empowerment und eine gute Begleitung sind wichtig, die Fähigkeiten sollen niemandem abgesprochen werden, niemand sollte aber überfordert werden. Die Aufgaben sollten gemeinsam besprochen und aufgeteilt werden. Es ist jedoch wichtig, Sicherheitsaspekte im Blick zu behalten.
Weiter wichtig sind regelmässige Zwischenevaluationen. Sie dienen dazu den Projektfortschritt zu überprüfen und Verbesserungspotenziale zu nutzen. Die Strategien und die Arbeitsweisen müssen laufend angepasst werden. Herausforderungen sollten transparent und sachlich angesprochen werden. Um die Perspektivenvielfalt zu wahren und den Herausforderungen eines Inklusionsprozesses gerecht zu werden, empfiehlt es sich, vernetzt und auch interdisziplinär zu arbeiten. Verschiedene Berufe und verschiedene Erfahrungen bringen unterschiedliches Wissen ein. Zum Beispiel unterstützte die Stiftung Rodtegg das Projekt in beratender Funktion zu sozialpädagogischen Aspekten, während Fachleute der Veranstaltungstechnik die Machbarkeit «inklusiver Technik» beurteilten und neue Lösungen entwickelten.
Für kulturelle Veranstaltungen gibt es noch weitere wichtige Aspekte, die zu beachten sind. Egal ob Konzert, Lesung oder Tanzveranstaltung, inklusive Rahmenbedingungen sind eine wichtige Voraussetzung. Abhängig von der Art der Veranstaltung müssen entsprechende Massnahmen ergriffen werden. Neben der Gewährleistung infrastruktureller Barrierefreiheit sind der Inhalt und die Zeit der Veranstaltung zu berücksichtigen. Um mehr darüber zu erfahren, wie eine Veranstaltung inklusiv(er) gestaltet werden kann, empfiehlt es sich mit der Fachstelle «Kultur Inklusiv» der «pro infirmis» zusammenzuarbeiten. Zudem benötigen Inklusive Veranstaltungen zugängliche Informationen. Es ist essenziell Informationen zur Barrierefreiheit (Infrastruktur, Inhalt etc.) bereitzustellen. Menschen mit einer Beeinträchtigung sind Expert:innen der eigenen Bedürfnisse. Transparenz über die Möglichkeiten und Hindernisse vor Ort hilft einzuschätzen, ob die Bedingungen den eigenen Bedürfnissen gerecht werden. Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass Inklusion keine Momentaufnahme sein darf. Als gesamtgesellschaftliche Aufgabe benötigt der Prozess Zeit und Kontinuität. Dadurch entstehen kontinuierliche Berührungspunkte, und der Sensibilisierungsprozess für Inklusion wird gefördert. Die Angebote sollen wiederkehrend durchgeführt werden. Kontinuierliche Arbeit und etablierte Veranstaltungen schaffen Sicherheit und fördern den Diskurs über Inklusion.
Erkenntnisse des Projekts
Tapetenwechsel: Menschen mit einer Beeinträchtigung wohnen oder arbeiten oftmals in exklusiven Institutionen. Inklusive Projekte können Menschen mit einer Beeinträchtigung eine Abwechslung zum Alltag bieten. Begegnung zwischen unterschiedlichen Lebensrealitäten fördern die Beteiligung und Selbsttätigkeit.
Inklusion = Prozess: Es ist entscheidend zu erkennen, dass Inklusion ein kontinuierlicher Prozess ist, der ein Umdenken in der gesamten Gesellschaft erfordert. Die Erwartung allen Bedürfnissen von Beginn an gerecht zu werden ist unrealistisch. Die Auseinandersetzung über verschiedene Bedürfnisse benötigt Zeit und Vertrauen. Das Ziel muss sein, Prozesse anzustossen und kontinuierlich die verschiedenen Bedürfnisse wahrzunehmen und in die Institutionen einzubinden. Das Projekt konnte erhebliche Fortschritte erzielen und wichtige Grundlagen für ein inklusiveres Nachtleben im Treibhaus Luzern schaffen. Das Projekt hat Türen geöffnet, das Bewusstsein für Inklusion gestärkt und das Engagement gefördert.
Sensibilisierung wirkt: Eine weitere Erkenntnis ist, dass die Förderung von Berührungspunkten mit dem Thema Inklusion von grosser Bedeutung ist. Die Erfahrungen aus dem Projekt zeigen, dass die Thematik in der Gesellschaft positiv aufgenommen wird. Die gesammelten Erfahrungen und geführten Gespräche tragen zur Sensibilisierung bei, welche für einen nachhaltigen Inklusionsprozess unerlässlich ist.
