Ein mehrsprachiges Vermittlungsprojekt, Reflexionen der Kuratorin Maria-Cecilia Quadri Mediavilla
Kontext
Der Kunstraum akku in Emmenbrücke ist eine Kunst- und Kulturinstitution, der zeitgenössische Schweizer Kunst mit regionalen wie auch nationalen Bezügen einem interessierten Publikum vermittelt. Für das Jahr 2024 war mit Blick auf die vielfältige Bevölkerung von Emmen die Gast-Kuratorin Maria-Cecilia Quadri Mediavilla eingeladen worden, eine Ausstellungsreihe zu entwickeln.
Kurz Geschichte zur Kunstplattform: Die Kunstplattform hat Isolde Bühlmann gegründet, eine Kunsthistorikerin und Kuratorin, die sich für die regionale Kunst stark eingesetzt hat. Die Industrie in Emmen brachte wohlhabende Kunstpatrons hervor, welche Personen wie Isolde Bühlmann mobilisiert haben, um die regionale Kunstschaffung zu fördern. Sie hat in der akku viele Jahre als Kuratorin gearbeitet, heute verantwortet sie u.a. die Kunstsammlung der Gemeinde Emmen.
Aus finanziellen Herausforderungen des Kunstraumes hatten der Gemeinderat Brahim Aakti und das Präsidium des Stiftungsrat eine Umstrukturierung der Organisation initiiert und ein Gast-Kurationsmodell eingeführt. Der aktuelle Leiter Caspar Danuser, hat das wieder geändert und wirkt vermehrt als «Inhouse-Kurator».

Position
Die Kunstplattform Akku befindet sich in Emmenbrücke/Emmen, einem stark postmigrantisch geprägten Ort. Es ist ein Ort, in der die Gesellschaft nachhaltig von Migration geprägt ist. Die Bevölkerungsstruktur hat sich wie in vielen Gemeinden in der Schweiz seit dem 2. Weltkrieg aufgrund von Wirtschaft und anderen gesellschaftlichen Entwicklungen gewandelt (seit 1945 ist die Schweizer Bevölkerung ohne Schweizer Staatsbürgerschaft von 5% auf 25% gestiegen). Ein gutes Beispiel zeigt das Emmer Unternehmen Viscosuisse SA, in dessen ehemaligem Speditionsraum sich die Ausstellungsräumlichkeiten der akku befinden. Im Höhepunkt seiner Produktivität im 1973 zählte das Unternehmen über 5500 Arbeiter*innen, die mehrheitlich aus Italien stammten und das einst dörfliche Emmen stark geprägt haben. Die meisten sind widererwarten geblieben, haben ihre Familien gegründet, Freundschaften geknüpft und das Leben hier mit aufgebaut.
Immer mehr Menschen in der Schweiz leben Vielfalt als selbstverständlicher Teil der eigenen Biografie, der Familie, der Beziehungen, des Arbeitslebens und der Freizeit. Immer weniger Leben sind auf eine Region, ein Land oder einen kulturellen Kontext beschränkt. Gleichzeitig gelten heute viele Menschen in dem Ort, in dem sie aufgewachsen und geboren sind, in dem sie leben, lieben und arbeiten, als Fremde.
Die migrationsbedingte Diversität der Bevölkerung ist nicht angemessen repräsentiert bezüglich der Verteilung von Chancen, Wohlstand oder der Möglichkeit zur Teilhabe. Dies zeigt sich beispielsweise in der institutionellen Politik, wo ein Viertel der permanenten Bevölkerung kein Bürgerrecht hat – Emmen liegt mit 36,5 % (Stand 2021) nebst Basel (36,6%) und Genf (40,5%) über dem Schweizer Durchschnitt (26%).
Die Gründe dafür sind vielfältig und komplex und lassen sich nicht immer eindeutig einordnen. Trotzdem stellt diese Ausgangslage auch für Kulturinstitutionen eine grosse Herausforderung dar. Viele neue Stimmen und Initiativen haben sich in den letzten Jahren stark bemerkbar gemacht, wie beispielsweise das Institut Neue Schweiz INES, Ostwindgruppe, WeTalk – Schweiz ungefiltert, postmigrantische Moumouni/Gültekin Late Night Show mit Fatima Moumouni und Ugur Gültekin, Bla.sh oder auch Baba News. Diese Stimmen und Initiativen haben in Zusammenarbeit mit Institutionen die Kulturlandschaft stark geprägt, nicht zuletzt durch Forderungen und Anstössen zur institutionellen Öffnung.
Diese Entwicklungen machen deutlich, dass ein neues Selbstverständnis von Zugehörigkeit in der Gesellschaft entsteht und die Bedürfnisse zur kulturellen Teilhabe gewachsen sind. Dies stellt nicht nur eine Herausforderung für die Kulturinstitutionen und Politik dar, sondern ist auch eine grosse Chance. Zum einen kann ein neues Publikum erschlossen und zum anderen kann Kultur und Kunst für Bevölkerungsgruppen zugänglich gemacht werden, die bisher nicht oder wenig eingebunden waren – auch als Produzierende von Inhalten und Programmen. Es bietet sich überdies die Chance, kulturelle Teilhabe und Institutionen zu stärken, die im Auftrag der öffentlichen Hand stehen und eine Verbindung zwischen ihnen und der Bevölkerung schaffen. Dabei stellt sich die spannende Frage: Wie kann Ausstellen und Kuratieren für und in einer postmigrantischen Gesellschaft aussehen?
Letztlich ist das postmigrantische Bewusstsein eine Chance, als Gesellschaft neue Perspektiven und spannende Positionen einzubinden, um relevante Fragen der Gegenwart gemeinschaftlich anzugehen – sowohl im Kleinen wie auch im Grossen.
Vor diesem Hintergrund erschien die akku Kunstplattform in ihrer geografischen, historischen und kulturellen Einbettung sowie ihren wertvollen, wenn auch bescheidenen Ressourcen eine produktive Ausgangslage für eine künstlerisch ansprechende Ausstellungsreihe mit einem zukunftsweisenden Vermittlungsangebot.

Raphaël Cuomo (rechts)
Die Ausstellungsformate
Es fanden zwei 2 Ausstellungen statt – eine Gruppenausstellung sowie eine Einzelausstellung mit dem Auftritt des Chores Merdzan des bosnischen Frauenvereins der Moschee Dzemat in Emmebrücke, sowie ein mehrsprachiges Vermittlungsformat. Das Vermittlungsformat lief während der gesamten Ausstellungszeit, es entstanden dabei ein Audioguide und eine Comic-Reihe.
Der Arbeitstitel «Wo Sprache ist, kann die Zukunft erinnert werden» diente als Leitmotiv. Die Ausstellungsreihe behandelte verschiedene Schwerpunkte, die mit dem Thema Postmigration und den bestehenden gesellschaftlichen Narrativen in Verbindung stehen: Sprache, Gemeinschaft, Erinnerung und Zukunft.
Alle Themen stehen – wie der Titelsatz suggeriert – in einem wechselseitigem, aber auch widersprüchlichem Zusammenhang. Darin bestand eine reizvolle Spannung, die gerade für das Akku und den Ort Emmen produktiv war hinsichtlich einer reichhaltigen und vielstimmigen Ausstellungsreihe. Lokales Wissen und künstlerische wie soziale Praxen, die teilweise wenig anerkannt oder wenig sichtbar waren, fanden zusammen und traten in Verbindung zueinander. Dabei wurde auch institutionell „gespeichertes“ Wissen – etwa aus der Kunstsammlung der Gemeinde Emmen – miteinbezogen.
Der Austausch zwischen dem Akku und der interessierten Bevölkerung sollte besonders durch ein niederschwelliges und mehrsprachiges Vermittlungsformat gestärkt werden, welches als Rahmenprogramm die Ausstellung begleitete. Aus meiner beruflichen Erfahrung sah ich hier die Chance, Personen anzusprechen, die das Akku bislang noch nicht für sich als Kulturort entdeckt hatten. Gleichzeitig wollte ich mit Blick auf das Gemeinschaftliche auch bestehende Beziehungen und Ressourcen (z. B. Stammkundschaft, Mitglieder des Akkus) nutzten.
Das mehrsprachige Vermittlungsangebot
In diesem Sinne nutze ich die Ausstellungsreihe um ein mehrsprachiges Vermittlungsangebot mit Modellcharakter für die lokale Bevölkerung zu entwickeln. Dieses sollte eng mit der Ausstellung verknüpft sein. Das Vermittlungsangebot eröffnete einen sozialen Raum, in dem mehrsprachige Menschen mit Migrationsgeschichte und Interessierte sich begegneten und sich auf eine niederschwellige und lustvolle Weise mit den Inhalten der Ausstellung auseinandersetzen konnten.

Methodisches Vorgehen
Das methodische Vorgehen der Ausstellungsreihe orientierte sich an den 4Ps im Kulturmanagement (Programm, Publikum, Personal und Partner). Dieses Modell diente als strukturierende Grundlage für die kuratorische und konzeptuelle Entwicklung des Projekts.
Im Bereich Programm standen die Auswahl zeitgenössischer Künstler:innen, das ortspezifische Werk „Wishful Library“ der Künstlerin Romy Nina Rüegger sowie die gezielte Einbindung der Kunstsammlung der Gemeinde Emmen im Fokus. Die Kombination aus aktuellen künstlerischen Positionen und lokalem Sammlungsgut ermöglichte eine produktive Verschränkung von Gegenwartskunst und lokalem, kulturellem Gedächtnis. Gleichzeitig wurde mit „Wishful Library“ eine Arbeit entwickelt, die einzig durch die lokale Perspektive entstand (durch die Sammlung von Buchwünschen aus der lokalen Bevölkerung). Diese Arbeit generierte wiederum Publikum, welches mit der Kunstplattform nicht vertraut war. Wichtig ist zu bemerken, dass das Werk „Wishful Library“ ein Langzeitprojekt ist und dezidiert in der Tradition der Konzeptkunst steht. Die Herangehensweise der „Wishful Library“ lässt sich mit jener der soziokulturellen Animation vergleichen, sie entstand allerdings entlang der spezifischen inhaltlichen und ästhetisch Kriterien der Autorin. Die Autorin liess sich bewusst auf das Vorhaben in Emmen ein und gab bewusst die Kontrolle an die Kuratorin, den Schlüsselpersonen und den Beitragenden ab.
Im Bereich Publikum lag der Fokus auf mehrsprachiger Kunstvermittlung. Mit gezielten Formaten für Kinder mit Albanisch und Serbisch/Kroatisch/Bosnisch als Familiensprachen wurde ein Vermittlungsangebot inkl. Audio-Guide geschaffen, das sich an Bevölkerungsgruppen richtete, die im kulturellen Leben oft unterrepräsentiert sind, aber die grösste Sprachgruppen in der Region darstellen. Ziel war es, neue Zielgruppen zu erreichen und Barrieren zur Teilhabe abzubauen.
Die Auswahl der Gastkuratorin (Personal) erfolgte auf Vorschlag eines Mitglieds des Beirats. Sie brachte spezifische Expertise in postmigrantischer Kuration sowie Erfahrung in partizipativer Kulturarbeit mit.
Im Bereich Partnerschaften wurde auf eine lokal verankerte Koordination gesetzt, da die Kuration extern organisiert war. Zentral war die Zusammenarbeit mit sogenannten Schlüsselpersonen: Menschen aus der Region, die als Expert:innen und Mittler:innen agieren konnten – etwa aufgrund ihrer sprachlichen, sozialen oder kulturellen Nähe zu Zielgruppen, die bislang wenig vertreten waren. Schlüsselpersonen wurden in die Workshopentwicklung eingebunden und wirkten an der Gestaltung der mehrsprachigen Vermittlungsformate mit. (Personal)
Ziel dieses methodischen Vorgehens war es einerseits, künstlerische und kulturelle Praxen sichtbar zu machen, die im öffentlichen Kulturraum bisher kaum präsent waren. Andererseits sollten durch gezielte Zusammenarbeit mit Schlüsselpersonen auch neue Publikumsgruppen angesprochen werden – insbesondere Kinder und Familien aus mehrsprachigen Haushalten. Schlüsselpersonen verstanden wir dabei nicht als „Türöffner:innen“ zu sogenannten „Communities“, sondern als aktive Mitgestaltende im Projekt, die den Kulturraum als gemeinschaftlichen Aushandlungsort begreifen.

Herausforderungen, Erfolgsfaktoren und Verstetigung
Ausgangspunkt des Projekts war es, auf die Geschichte von Emmen zu schauen – insbesondere auf die vielfältigen Lebensrealitäten, die durch Migration mitgeprägt sind. Durch die Institutionalisierung im Kulturraum – etwa durch das Projekt Wishful Library und die dauerhafte Aufnahme der gewünschten Werke in die Bibliothek der akku Kunstplattform – manifestierte sich eine postmigrantische Perspektive auch über die Ausstellungsdauer hinaus.
Die Ausstellung war das gemeinsame Ziel: Der Zugang zum Kulturraum wurde stark über persönliche Geschichten und das Prinzip der Oral History ermöglicht. Über die Zusammenarbeit mit Schlüsselpersonen wurden viele Personen(gruppen) erstmals im akku sichtbar – nicht nur als Besuchende, sondern als aktive Mitgestaltende. So wurde kulturelle Teilhabe konkret erfahrbar: Alltagsgespräche, persönliche Anekdoten und Beteiligung auf Augenhöhe verwiesen auf eine inklusive Praxis. Ein Beispiel dafür: Der bosnische Frauenchor trat im Kulturzentrum Emmen auf – ein Ereignis, das nicht nur symbolisch für die Öffnung des Raumes stand, sondern auch praktisch für einen Moment den Raum in beide Richtungen öffnete.
Die Zusammenarbeit mit Schlüsselpersonen war nicht nur ein methodischer Zugang, sondern Teil einer Haltung. Schlüsselpersonen wurden bezahlt, ihre Expertise anerkannt, die Autor:innenschaft geteilt. Entscheidend war die Bereitschaft, sich offen auf eine Community einzulassen und die Inhalte gemeinsam weiterzuentwickeln. Eine gewisse Prozessoffenheit sowie die Orientierung an den Geschichten der Personen vor Ort waren zentrale Gelingensbedingungen. Sprachkenntnisse und Kontextwissen über kulturelle Eigenheiten waren für die Kontaktaufnahme ebenso wichtig wie echtes Interesse und Bewusstsein für soziale Unterschiede.
Das Projekt zeigte, dass viele Menschen ein aufrichtiges Interesse am Kulturraum selbst haben. Immer wieder kam die Frage auf, ob der Raum künftig auch für eigene Anlässe oder Programme genutzt werden könne – was die Notwendigkeit einer niederschwelligen Zugänglichkeit unterstreicht.
Viele Leute an der Vernissage waren zum ersten Mal im akku, obwohl sie in Emmen aufgewachsen sind – ebenso wie im Vermittlungsprogramm. So freute sich auch der Gemeinderat Brahim Aakti darüber, dass er für einmal nicht der einzige BIPOC an einer akku-Vernissage gewesen sei.
Maria-Cecilia Quadri Mediavilla hat Medienkunst und Theater an der Zürcher Hochschule der Künste studiert. Von 2018 bis 2024 war sie Co-Geschäftsführerin und Mitbegründerin des Think- und Act Thanks Institut Neue Schweiz INES. Seither arbeitet sie bei der FIZ Fachstelle für Migrant*innen – gegen Ausbeutung und Menschenhandel. Als freischaffende Kuratorin und Dramaturgin hinterfragt sie den Begriff der Autorschaft und sucht nach kollaborativen Schaffensformen. Maria-Cecilia war beteiligt in Projekten wie dem Schwarzenbach Komplex und Raum//Station in Zürich (2016-20), wo sie die Ausstellungs- und Projektreihe Digital Narrationen mitentwickelt hat. 2024 war sie Gastkuratorin für die Kunstplattform Akku in Emmenbrücke.
Ausführlicher Projektbericht: https://drive.google.com/file/d/1MYIbe7E-utIemXxqU9ylSzfcYCQL-5cn/view
